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Bulgarien ist Herkunftsland zahlreicher Zwangsarbeitsopfer

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Foto: BGNES

Menschenhandel gilt weltweit als eine der ertragreichsten  kriminellen Einkommensquellen, die gleich nach dem Drogen- und Waffenhandel die höchsten Profite einbringt. Die Gewinne aus dem  Menschenhandel werden von der Internationalen Arbeitsorganisation auf ca. 32 Milliarden Euro beziffert. Die Opfer von Zwangsarbeit werden weltweit auf 21 Millionen geschätzt, in Europa sind es an die 880.000. Hinter dieser trockenen Statistik verbergen sich reale Schicksale und menschliche Tragödien. Am 19. und 20. Juni haben sich Vertreter von 32 Nichtregierungsorganisationen aus 20 europäischen Ländern in Sofia zusammengefunden, um nach wirksamen Mechanismen zur Bekämpfung dieser modernen Form der Sklaverei zu suchen. Diese Organisationen haben sich die Prävention von Menschenschmuggel und die Unterstützung und Betreuung dessen Opfer auf die Fahne geschrieben. Organisiert wurde das Forum von der internationalen Organisation La Strada International, Gastgeber war die Animus Association Foundation.

Wie sieht die Lage in Bulgarien aus?

„Der Menschenschmuggel zwecks Zwangsarbeit betrifft vor allem Länder mit hoher Arbeitslosigkeit, ernsthaft verarmter Bevölkerung und dementsprechend hoher Arbeitsmigration“, sagte für Radio Bulgarien Nadja Koschucharowa von der NGO Animus Association. „Bulgarien gehört zu den Ländern mit der höchsten Arbeitsemigration, vor allem in Richtung Westeuropa. Somit wird es automatisch zum Herkunftsland zahlreicher Opfer von Menschenhandel zwecks Zwangsarbeit. Es ist schwierig, konkrete Ziffern anzuführen. Wenn wir die Zahl der Opfer im vergangenen Jahr auf 200 oder 300 Menschen beziffern, sollten wir sofort anführen, dass es sich dabei um Fälle handelt, die nachgewiesen werden konnten. Zum Großteil werden solche Verbrechen aber nicht aufgedeckt. Oft sehen sich auch die Betroffenen selbst nicht als Opfer von Menschenhandel und als Arbeitssklaven.“

Am größten ist die Zahl der potentiellen Opfer von Menschenschmuggel unter der Roma-Bevölkerung sowie unter Menschen ohne Bildung oder mit einem niedrigen Bildungsstand. Während die sexuelle Ausbeutung vor allem auf Frauen abzielt, sind von der Arbeitsausbeutung beide Geschlechter gleichermaßen betroffen. Die Baubranche und die  Landwirtschaft sind jene Sektoren, in denen Männer ausgebeutet werden. Frauen werden vor allem in der Landwirtschaft und im Haushalt zu modernen Sklavinnen, wo sie als Haushilfe arbeiten oder kranke Menschen betreuen müssen. Griechenland, Spanien, Italien, Deutschland, Schweden und Tschechien sind Länder, in denen die Bulgaren am häufigsten zu modernen Sklaven gemacht werden.

„Unsere Beobachtungen belegen, dass Zwangsarbeit eine weitaus verbreitetere Form des Missbrauchs ist als die sexuelle Ausbeutung und somit ist die Zahl der Zwangsarbeitsopfer auch dementsprechend größer“, kommentierte Frau Koschucharowa. „Weil der Missbrauch bei der Arbeitsausbeutung nicht so  drastische Formen annimmt wie bei der sexuellen Ausbeutung, bleibt er oft im Dunkeln. Besorgniserregend ist zudem, dass sich die Betroffenen in einer so schweren wirtschaftlichen Notlage befinden, dass sie geneigt sind, gewisse Formen von Ausbeutung und Missbrauch über sich ergehen zu lassen, nur um ein Einkommen zu haben und nicht in ihrer Heimat zu leben, wo sie völlig mittellos sind.“

Schwerstarbeit, Arbeitstage von bis zu 12 bis 14 Stunden, geringere Bezahlung als ursprünglich  vereinbart, fehlende Versicherungen jedweder Art, miserable Lebensbedingungen. Das ist normalerweise die Realität, mit der sich die Opfer von Menschenhandel konfrontiert sehen. Menschenhandel ist nicht nur ein Problem, das kriminelle und soziale Ausmaße hat, es reflektiert auch auf die Wirtschaft. Zwangsarbeit erfolgt auf privatem Territorium, deshalb wollen die NGOs in Partnerschaft mit den Unternehmern  nach Wegen zur Prävention dieser negativen Erscheinung suchen. Arbeitsausbeutung ist auch für  die Firmen schlecht, weil sie zu unfairem Wettbewerb für die ehrlichen Unternehmer, Arbeitsdumping und Imageverlust der Industrie führt. „Die Businessleute können etwas dagegen tun, indem sie die Kette von Lieferanten und Subunternehmern genau im Auge haben und prüfen, ob diese Sklavenpraktiken anwenden, um ihre Kosten gering zu halten und größere Profite zu erzielen. So kann man dem Menschenhandel entgegenwirken“, betonte  Nadja Koschucharowa. Wie will die Animus Association mit den Unternehmern in Bulgarien kooperieren:

„Da Bulgarien vornehmlich Herkunftsland von Zwangsarbeitsopfern ist, wollen wir bei den Vermittlerfirmen ansetzen, weil sie zur Kette gehören. Eine solche Firma kann unwissentlich Jobs vermitteln, die zur Ausbeutung führen, falls sie die Organisation, mit der der Arbeitsvertrag abgeschlossen wird, nicht genau unter die Lupe genommen hat. In den Bestimmungsländern werden wir vor allem mit Firmen aus der Baubranche und der Landwirtschaft arbeiten und an Stellen, wo Menschenhandel und Ausbeutung praktiziert werden“, sagte Nadja Koschucharowa abschließend.

Übersetzung: Rossiza Radulowa



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