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Sicherheitsexperte Jordan Boschilow: Bulgarien ist durch die Situation in der Ukraine und im Nahen Osten nicht direkt bedroht

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Foto: BGNES

Vom 13. bis zum 15. Juli findet in Sofia eine Sommerakademie für Führungskräfte im Rahmen des Sofioter Sicherheitsforums statt. Diese NGO stellt eine Plattform für Forschungsarbeit und für Diskussionen über aktuelle Fragen der internationalen und nationalen Sicherheit dar. Ihr Vorsitzender Jordan Boschilow, der auch Analyst an der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften ist, kommentierte in einem Interview für Radio Bulgarien aktuelle Sicherheitsthemen.

Bulgarien befindet sich in einer recht turbulenten Region zwischen zwei Konfliktherden – der Ukraine und der islamischen Terrororganisation ISIS. Ist das Land auf eine mögliche Eskalation der Spannungen dort vorbereitet, lautete die erste Frage an ihn.

"Bulgarien ist durch die Situation in der Ukraine oder im Nahen Osten nicht direkt bedroht, wir sind eher vor einige damit verbundenen Risiken gestellt“, so der Sicherheitsexperte. „Als Mitglied der EU und der NATO, wird unsere Sicherheit innerhalb dieser beiden Blöcke aufgebaut. Ich erwarte keine Ausweitung des Konflikts in der Ukraine, die die NATO-Mitgliedsstaaten direkt betreffen würde. Vielmehr bewegt er sich in der Richtung "eingefroren" zu werden, sich in einen ständig schwelenden Konflikt zu verwandeln, der Probleme in der gesamten Region schaffen wird – wie zum Beispiel einen Boom der organisierten Kriminalität und die Destabilisierung von Staaten. Ich würde die Terrorismusgefahren nicht unterschätzen, denn die Flüchtlingswellen versetzen Bulgarien als EU-Außengrenze in eine äußerst schwierige Lage. Die Flüchtlingsfrage hat die europäischen Länder gespalten. Bulgarien ist an einer einheitlichen europäischen Politik und einer sehr starken Zusammenarbeit aller Polizeibehörden und Geheimdienste sowie an der gegenseitigen Solidarität interessiert", so Jordan Boschilow.

Welche versteckten Gefahren birgt der Krise in Griechenland?

"Eine der Maßnahmen, um die Wirtschaft und Finanzen Griechenlands zu stabilisieren, ist die drastische Reduzierung der Ausgaben für Sicherheit und Verteidigung. Das ist aber sehr gefährlich, weil so die Kontrollen gelockert würden und mehr illegale Einwanderer über Griechenland nach Bulgarien kommen könnten als es jetzt schon der Fall ist", meint der Analyst von der bulgarischen Akademie der Wissenschaften.

Erfüllt Bulgarien die Verpflichtungen des NATO-Gipfels in Wales?

"Bei diesem Treffen wurde die politische Entscheidung getroffen, als Reaktion auf die Krise in der Ukraine eine schnelle Einsatztruppe sowie Strukturen des NATO-Kommandos in den neuen Mitgliedstaaten zu schaffen. In diesem Zusammenhang hat Bulgarien auch ein Abkommen mit den USA über die Stationierung von US-Truppen auf bulgarischem Territorium, was praktisch einer Stationierung von NATO-Streitkräften gleichkommt. Bulgarien hat auch Anstrengungen unternommen, um die Zahl der Militärübungen und Gefechtsausbildungen gemeinsam mit anderen Ländern zu erhöhen. Bulgarien ist ein loyales Mitglied der NATO und jederzeit bereit, die gemeinsamen Beschlüsse umzusetzen. Die These, dass die NATO uns etwas aufzwingen würde, ist falsch, weil selbst im Rahmen der NATO letztendlich Bulgarien die Entscheidung für sich trifft“, sagt Jordan Boschilow. „Wir müssen bestrebt sein, eine mobile Armee bereitzuhalten, die in der Lage ist, alle Aufgaben im Rahmen der NATO zu erfüllen sowie die Verteidigungsausgaben zu erhöhen. Es ist in unserem eigenen Interesse, uns an Initiative zu beteiligen, vor allem in der Schwarzmeerregion“, so der Sicherheitsexperte.

Inwiefern stellen die demografischen Tendenzen ein Risiko für die nationale Sicherheit dar?

"Die Trends in der Demografie in Bulgarien sind in der Tat sehr negativ – eine zunehmend alternde, unproportional verteilte Bevölkerung, die hohe Arbeitslosenrate bei bestimmten Gruppen u.a. Аuf lange Sicht ist das ein Risiko für die nationale Sicherheit. Wir vom Sofioter Sicherheitsforum versuchen, jungen Führungskräften einen praktischen Blick auf die Probleme der Sicherheit und der Verwaltung zu geben. Eines der systembedingten Probleme Bulgariens ist der Mangel an gut informierten, gut ausgebildeten und mit Fähigkeiten ausgestatteten Führungskräften mit Vision, die auch den Willen haben, Probleme zu lösen, wie schwierig und unpopulär sie auch sein mögen", so Jordan Boschilow abschließend.

Übersetzung: Petar Georgiew



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